Dienstag, 31. Mai 2011

Zu Besuch in der größten Stadt der Welt – Mumbai

Seit Jahren schon bin ich fasziniert von Bombay, der Riesenstadt, die ich unter anderem dank der Romane von Salman Rushdie bereits oft literarisch erkundet habe. Endlich darf ich die Stadt, die mit offiziell 17 Millionen Einwohnern (manche schätzen die tatsächliche Einwohnerzahl auf bis zu 25 Millionen) von sich behauptet die größte der Welt zu sein, nun auch selbst erkunden.
Gateway of India
In Mumbai endet auch die einzelgängerische Phase meiner Reise, da meine Freundin Andrea hier zu mir gestoßen ist, um mich 4 Wochen lang zu begleiten. Es ist ein freudiges Wiedersehen, nachdem wir uns drei Monate nicht gesehen hatten.
Ich verkünde damit zwar nichts neues, doch Bombay ist eine Stadt der extremen Gegensätze. Wenn man, wie die meisten Touristen, in Colaba an der Südspitze der Stadt untergebracht ist, so findet man eine Gegend vor, die für indische Verhältnisse extrem ruhig und geordnet ist, mit gepflegten Altbauhochhäusern und ruhigen grünen Nebenstraßen. Man kommt sich fast vor wie in einer Stadt der nordamerikanischen Ostküste. Wenige Meter entfernt findet man jedoch schon einen kleinen Slum. Dieses Bild bietet sich uns in vielen Teilen der Stadt, die wir erkunden. Offensichtlicher Reichtum und extreme Armut liegen direkt nebeneinander, sei es auf den besseren Einkaufsstraßen oder im exklusiven Wohnviertel Malabar Hill. Gleichzeitig ist es hier fast überall sehr voll und laut, für Andrea ein echter Kulturschock. Die extreme Schwüle macht das ganze nicht weniger anstrengend, ich kann mich nicht erinnern, auf meiner Reise so viel geschwitzt zu haben wie hier.
Victoria Terminus
Natürlich haben wir alle wichtigen Sehenswürdigkeiten abgeklappert und haben auch die Fähre bestiegen, um die Tempelgrotten auf Elefanta Island zu besuchen. Es war Sonntag, daher war der Andrang besonders groß. Wir durften mit sehr vielen Großfamilien posieren und den üblichen Smalltalk führen. Auf dem Rückweg bricht kurze Zeit Aufregung auf dem Schiff aus, da plötzlich aus dem nichts ein Skorpion auftaucht. Das arme Tier hatte dann aber nicht mehr lange zu leben und die Lage beruhigte sich wieder.
Elephanta Island
Kurz vor unserer Abreise hatten wir noch einen weiteren Zusammenstoß mit der Tierwelt Mumbais. Als sich Andrea morgens ihre Hose anzog spürte sie eine Ausbeulung in der Hosentasche. Es blickten sie aus der Hose tierische Augen an. Das Kleidungsstück war sehr schnell wieder ausgezogen und der Schreck ziemlich groß. Das Tier kam dann auch aus der Hosentasche gekrochen und entpuppte sich als kleine Fledermaus, die ich dann mit einigen Schwierigkeiten mit Hilfe meiner Flipflops aus dem Fenster unseres Zimmers bugsierte.

Samstag, 28. Mai 2011

Kein Traumstrand doch trotzdem eine Reise Wert – Murud

Als ich in Murud ankomme, bin ich zunächst etwas enttäuscht. Statt dem erhofften weißen Sandstrand erwartet mich ein schwarzer Sandstreifen. Der Sand ist zudem ein wenig schmierig, als habe es hier eine kleine Ölpest gegeben, jedenfalls vergeht mir die Lust, mich hier hinzulegen. Auch das vor dem Ort liegende Inselfort sieht nicht sehr beeindruckend aus, eine verfallene Ruine. Dabei habe ich eine lange Reise hinter mir, bin stundenlang mit Bus, Schiff und wieder Bus gefahren.
Unterwegs habe ich einen erster Eindruck von der Riesenhaftigkeit Mumbais erhalten, denn ich habe mit Bus und Taxi die ganze Stadt durchfahren. Ich denke, zwei Stunden hat es schon gedauert, von den äußeren Bezirken bis zum Gateway of India zu kommen, wo ich meine Fähre bestiegen habe.
Ich lasse mich vom ersten Eindruck allerdings nicht entmutigen und nehme erst einmal einen Bad im Meer. Landschaftlich ist die Konkanküste, der südlich von Mumbai liegende und als Geheimtipp geltende Küstenstreifen von Maharashtra, auf jeden Fall sehenswert. Es wechseln sich Sandstrände und felsige Steilküsten ab, man könnte stellenweise meinen, sich an der Côte d'Azur zu befinden. Gleichzeitig ist die Gegend relativ dünn besiedelt, auch touristisch ist nicht gerade deie Hölle los. Der Strand in Murud ist umrahmt von Kokospalmen und Felsen, an seinem Nordende befindet sich ein etwas unpassend wirkendes neogothisches Schloss, der Sitz der Nawabs von Janjira.
Statt mich an den Strand zu legen erkunde ich die Umgebung, entdecke den sehenswerten kleinen natürlichen Hafen Muruds und die Behausungen der Fischer. Auch entdecke ich, dass das eigentliche Fort eine Bucht weiter liegt und wie eine Beeindruckende Festung aus dem Meer ragt. Das Fort von Janjira ist bekannt dafür, das einzige Fort der indischen Westküste zu sein, das niemals eingenommen wurde. Weder den Engländern, Holländern oder Portugiesen, noch den mächtigen Marathen ist dies gelungen. Wenn man am Fuße der Mauern des Forts steht, versteht man auch warum. Ein Ausflug dahin ist ein schöner Spaziergang entlang der Steilküste, man gelangt dann an Bord von kleinen, vollgepackten Segelschiffen zum Fort und kann auch von hier schöne Aussichten genießen.
Murud selbst ist der erste Badeort, den ich hier in Indien besuche, der nicht primär auf ausländische Touristen ausgerichtet ist. Das hat durchaus seine Vorteile: es gibt keine nervigen Verkäufer am oder beim Strand, keine Restaurants mit pseudowestlichem Essen. Stattdessen viele Großfamilien aus Mumbai oder Pune, die hier ein wenig vom Großstadtleben entspannen. Diese stören sich auch nicht daran, dass der Strand nicht so sauber ist. Solang man Cricket spielen und baden kann, ist alles gut. Es gibt auch zahlreiche weitere Vergnügungsmöglichkeiten am Strand wie Kamelreiten oder Pferdekutschenfahren. Entspannen konnte ich hier jedenfalls, wenn auch auf eine andere Weise als gedacht.

Freitag, 27. Mai 2011

Vadodara

Glücklicherweise liegen die meisten Hotels in Vadodara, auch bekannt als Baroda, direkt am Bahnhof. Ich gehe bei meiner Ankunft geradewegs dorthin und mache bei der Wahl des Hotels einen Glücksgriff. Für einen relativ günstigen Preis ergattere ich ein zwar kleines Zimmer, das jedoch für das Geld guten Komfort bietet: Exzellenter Service, Dusche mit gutem Wasserdruck (leider hier nicht so häufig) und die Krönung, ein reichliches Frühstück inklusive. Ich werde dies während meines Aufenthaltes hier richtig ausnutzen. Bei meiner Ankunft geht es aber zuerst unter die Dusche, um den Dreck und die Klebrigkeit von der Reise loszuwerden und dann direkt ins Bett.
Vadodara hat touristisch nicht sonderlich viel zu bieten, auch hier lege ich vor allem wegen der Lage einen Zwischenstopp ein. Ich verbringe in der Stadt zwei gemütliche Tage und nutze die Vorteile der modernen,doch recht übersichtlichen Großstadt. Inder Tat könnte Baroda auf dem ersten Blick in Europa liegen. Der Bahnhof ist neu und und übersichtlich, nahe gelegen findet man Hoteltürme und gute Restaurants, deren Zielgruppe die Mittelschicht und die Studenten der benachbarten Universität sind. Die Studenten prägen auch das Stadtbild, hier gibt es auffällig viele westlich gekleidete junge Menschen, ich erblicke sogar junge Frauen in kurzen Hosen, in Indien ansonsten kaum denkbar.
Ich erkunde die Stadt trotz allem ein wenig und besuche unter anderem den Palast des Maharadschas von Baroda. Das riesige, prunkvolle Schloss stammt von 1890 und ist eines der größten Schlösser Indiens. Der Stil ist recht eklektisch und verbindet europäische Neogothik und italienische Stile mit einheimischem: Marathi, Rajput und Mogulisch. Es wurde geklotzt: man findet die meisten Kirchenfenster Indiens, italienische Skulpturen, Marmorböden und Mosaike, sowie Kunstwerke von Indiens bekanntestem Maler Raja Ravi Varma. Das ganze ist zudem in bestem Erhaltungszustand, was wohl daran liegt, dass der Palast noch immer vom Maharadscha und seiner Familie bewohnt wird. Es scheint, als würde dieser auch heute nicht am Hungertuch nagen.
Ein paar Fotos.

Mittwoch, 25. Mai 2011

Unvergesslich Erfahrungen spiritueller und kultureller Art – Ujjain

In Ujjain hätte ich nicht unbedingt eine Etappe eingelegt, doch da ich keine Lust auf eine erneute endlose Busfahrt hatte und die Stadt auf meiner Route lag, beschloss ich, dort eineinhalb Tage zu verbringen. Ujjain ist eine der sieben heiligen Städte Indiens, sie ist zudem einer der vier Orte, wo alle 12 Jahre eine Kumbh Mela stattfindet. Hier befindet sich weiterhin einer der 12 heiligen Jyoti Lingas Indiens, also solche Shiva Lingams (phallische Shiva-Ikonen, eigentlich soll das eine Lichtsäule darstellen), die ihr Shakti (Schöpfungsenergie) von Natur aus in sich haben und nicht erst durch priesterliche Rituale gewinnen. Zudem liegt Ujjain genau auf dem nördlichen Wendekreis und ist das indische Greenwich, sodass hier der Nullmeridian der indischen Geographie verläuft.
Trotz seiner langen und bewegten Geschichte ist Ujjain nicht sehr hübsch anzuschauen, es gibt zwar unzählige Tempel, doch diese sind architektonisch nicht interessant. Da Ujjain immer mal wieder in die Hände muslimischer Eroberer fiel, wurden seine Tempel mehrfach zerstört, die heutigen Versionen stammen meist aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Man kann hier eher die Stimmung einer heiligen Pilgerstadt einfangen. Dies geht am besten an den Ghats, also den Stufen hinab zum Fluss, wo die Gläubigen sich im Shipra Fluss von ihren Sünden reinwaschen. Ich verbringe am Ram Ghat einige Zeit bei Einbruch der Dunkelheit und am frühen morgen, beobachte de Geschehnisse und Rituale und versuche, die Stimmung einzufangen. Die Gesänge, das Getrommel, die kleinen Feuer, die badenden Menschen, das ist schon was besonderes.Erstaunlicherweise hat das ganze eine beruhigende Wirkung.
Ich wage zudem einen Besuch im Mahakaleshwar Tempel, wo der Schrein mit dem Jyoti Linga liegt. Das ist ein Erlebnis für sich. Der Tempel ist so angelegt, dass hier riesige Massen an Gläubigen durchgeschleust werden können. Es gibt einen Warteschlangenbereich wie bei Großattraktionen von Vergnügungsparks. Heute ist relativ wenig los, trotzdem stehe ich eine Weile in der Schlange, die auch durch die Katakomben des Tempels führt. Hier herrscht bereits eine aufgekratzte Stimmung, die Pilger haben alle ihre Gaben für den Gott dabei (hauptsächlich Blumen, Kokosnüsse, Milch), es wird gesungen und geplaudert. Ich errege natürlich Aufmerksamkeit und werde in Unterhaltungen einbezogen. Auf dem Weg kommt man immer wieder an anderen Schreinen vorbei, wo man schon Gaben loswerden kann. Schließlich komme ich ins von Bramahnen bewachte Heiligtum: hier herrscht eine Riesenhektik, da jeder seine Opfergaben loswerden will, alles drängt sich um das Linga. Das ist schon ein Erlebnis. Allerdings denke ich, dass es an manchen katholischen Pilgerstädten ähnlich zugehen muss.
Eine weitere Erfahrung, die ich wohl nicht so bald vergessen werde, mache ich bei der Weiterfahrt aus Ujjain nach Baroda, meine nächste Etappe. Die einzige gute Möglichkeit, die Strecke zu überwinden, ist der Zug. Leider sind die reservierbaren Plätze alle ausgebucht, sodass mir nichts anderes übrig bleibt, als eine Fahrkarte für die Second Class zu kaufen, wo man nicht reservieren kann. Indische Züge haben eine Vielzahl von Klassen, die Standardklasse ist die Sleeper Class, die in etwa unserer zweiten Klasse entspricht, nachts werden die Abteile in Liegewagen umfunktioniert. Von der Second Class gibt es immer nur wenige Wagen pro Zug, die Tickets hierfür sind zwar sensationell günstig (ich zahle umgerechnet € 1,50 für eine über 300 Kilometer Zugreise), dafür ist sie meist komplett überfüllt.
Als der Zug im Bahnhof von Ujjain einfährt, ist der 2nd Class Wagen bereits so voll, dass eigentlich (zumindest aus naiver europäischer Sicht) keiner mehr hineinpasst. Ich quetsche mich zusammen mit vielen anderen zusteigenden Passagieren dennoch hinein, mit meinem großen Rucksack auf dem Rücken ist das schon eine Herausforderung für sich. Mit Hilfe der um mich herum stehenden Leute entledige ich mich dann meines Rucksacks, der über die Köpfe hinweg in eine der Toiletten befördert wird, die als Stau- und zusätzlicher Stehraum für die Reisenden umfunktioniert wurde. Es ist ein Türkenklo, die Toilette ist durch eine Platte abgedeckt, es ist also sauber und frei von unangenehmen Gerüchen. Die sechseinhalb Stunden Fahrt verbringe ich zunächst stehend vor der Toilette, dann auf meinem Rucksack sitzend drin. Den Raum teile ich natürlich mit ein paar anderen Menschen.
Es entsteht auf der Fahrt ein, wie ich finde, recht einmaliges Gemeinschaftsgefühl. Ziemlich schnell fangen die Leute an, sich zu unterhalten. An den Bahnöfen wechselt man sich ab, um an den Wasserstellen seinen Wasservorrat aufzufüllen oder was zu Essen zu holen (Halte sind immer recht lang). Die Toilette wird zudem immer mal wieder als heimlicher Raucherraum genutzt. Ich finde es sehr schade, kein Hindi zu können, sodass ich mich nicht mit meinen Mitpassagieren unterhalten kann. Diese können allesamt kein Englisch, sagen aber immer wieder mit vielsagendem Blick „Indian Railways“ zu mir, wenn mal wieder viel gedrängelt wird. Ich bin froh, als der Zug gegen Mitternacht in Baroda ankommt. Auch wenn ich sie nicht unbedingt wiederholen möchte, war dies eine unvergessliche Erfahrung, die man wohl nur in Indien machen kann.
Hier ein paar wenige Fotos von Ram Ghat.

Dienstag, 24. Mai 2011

Mandu: ein Hampi auf muslimisch

Eine 15-stündige Nachtbusreise bringt mich über Indore nach Mandu. Das letzte Stück der Fahrt geschieht in einem völlig überfüllten Regionalbus. Ich stehe im Mittelgang und muss mich leicht bücken, da die Decke so niedrig ist. Außer mir tangiert dieser Umstand jedoch niemanden, ich bin mit Abstand der größte an Bord. Der Bus ist so voll, dass teilweise einige Passagiere auf dem Dach mitfahren.
In Mandu quartiere ich mich zunächst im Hotel Maharaja ein. Der Name lässt das Hotel in besserem Licht dastehen, als es der Wahrheit entspricht. Die Räume sind etwas heruntergekommen und um einen vertrockneten Garten angelegt. Dafür ist es günstig. Ich darf mir mein Zimmer aussuchen, denn ich bin der einzige Gast. Die Entscheidung ist nicht schwer: ich nehme das einzige mit funktionierender Dusche.
Mandu war lange Zeit die Hauptstadt der Herrscher von Malwa, wie diese Gegend im heutigen Madhya Pradesh einst hieß. 1304 wurde die Stadt vom Sultanat in Delhi erobert und war seither muslimisch. Der Afghane Dilawar Khan wurde 1401 Gouverneur der Region und gründete hier sein eigenes Königreich. Mandu ist daher durch afghanische Architektur geprägt. Nachdem die Marathen das Königreich im 18. Jahrhundert eroberten, wurde die Hauptstadt nach Dhar verlegt, Mandu verfiel. Heute ist es lediglich ein verschlafenes Dorf, von dem aus man das 20 Quadratkilometer große Hochplateau erkunden kann, auf dem sich die Stadt einst erstreckte. Überall sind mehr oder minder gut erhaltene Ruinen verstreut, hauptsächlich von Palästen, Moscheen und Mausoleen. Es ist ein wenig wie in Hampi, nur dass einen eben keine Hindutempel, sondern Moscheen und Mausoleen erwarten und kaum etwas los ist.
Man fühlt sich hier ein wenig in einer eigenen Welt, fern von der Betriebsamkeit der Städte und touristischen Orte, die ich bisher besucht habe. Mandu wird ohnehin nicht gerade von Touristen überrannt, doch jetzt, in der heißen Jahreszeit, ist es fast ausgestorben. Ich bin, denke ich, während meines Aufenthalts der einzige westliche Tourist im Ort. Außer ein paar wenigen indischen Touristen treffe ich beim Erkunden der Ruinen kaum jemanden.
Die Hitze macht einem natürlich ein wenig zu schaffen, ich stehe früh auf und mache während der heißesten Zeit des Tages eine Mittagspause. Den Rest der Zeit kurve ich mit dem Fahrrad durch die Gegend. Die Menschen hier sind angenehm zurückhaltend, keiner versucht penetrant etwas zu verkaufen, wie es an anderen Orten gegenüber westlichen Touristen üblich ist. Die Kinder begrüßen einen lustigerweise mit „bye-bye“ und freuen sich wie an den meisten Orten, wenn man sie knipst. Nett unterhalten kann man sich mit den Leuten auch, sofern sie englisch können, was leider wenig der Fall ist. Doch wir sind hier tief in der indischen Provinz.

Montag, 23. Mai 2011

Ellora und Daulatabad

Gerade einen Abend habe ich Zeit, um die Eindrücke aus Ajanta zu verarbeiten. Da ich sehr früh aus meinem Hotel auschecken muss, bin ich bereits am frühen Morgen in Ellora. Das ist gut, denn es ist noch wenig los und die Hitze noch nicht so asugeprägt.
Buddhistische Grotte
Die Grotten von Ellora sind etwas jünger als diejenigen in Ajanta. Die ältesten stammen aus dem 6. Jahrhundert, es sind buddhistische Grotten. Über etwa 5 Jahrhunderte hinweg schlugen Buddhisten, Hindus und Jains jeweils eigene Grotten aus dem Fels. Dass dies teilweise zeitgleich geschah, beweist die religiöse Toleranz, die zu dieser Zeit in Indien herrschte. Gleichzeitig sorgte der Konkurrenzkampf zwischen den Glaubensrichtungen dafür, dass jeder versuchte, seine Grotten besonders auszuschmücken.
Eine hinduistische „Grotte“, die Nummer 16, überstrahlt hier allerdings alle anderen. Es handelt sich um den Kaylasa Tempel. Dabei handelt es sich weniger um eine Grotte als um einen komplett aus dem Fels herausgearbeiteten riesigen Tempel mit Nebentempeln und Säulengalerien im Fels. Dieser größte monolithische Tempel der Welt ist zudem unheimlich detailreich ausgeschmückt. Begeht man ihn, weiß man nicht wo man hinschauen soll. Überall überbieten sich die Skulpturen in ihrem Detailreichtum und ihrer Schönheit. Ich verbringe über eine Stunde damit, alleine diesen Tempel zu erkunden und hätte hier durchaus noch länger verweilen können.
Kaylasa Tempel
Nach dem Kaylasa Tempel wirkt alles andere nicht mehr ganz so spektakulär, dabei sind auch die anderen Grotten nicht von schlechten Eltern. Gerade die zeitlich jüngeren Hindugrotten sind bombastische Meisterwerke. Allerdings gibt es auch unter den Jaingrotten eine, die besonders hervorsticht. Die Grotte Nr. 32 ist ebenfalls ein komplett aus dem Fels geschlagener Tempel, dessen Skulpturen durch feinste Detailarbeit beeindrucken.
Auf dem Rückweg nach Aurangabad lege ich auf halbem Weg in Daulatabad einen Zwischenstopp ein. Daulatabad hat eine sehr wechselvolle über tausendjährige Geschichte hinter sich. Deren Höhepunkt ereignete sich im 14. Jahrhundert, als Mohammed Tuqlaq, der damalige Sultan von Delhi, beschloss, seine Hauptstadt hierher zu verlegen. Das bedeutete, dass die gesamte Bevölkerung Delhis mit ihm nach Daulatabad ziehen musste, Männer, Frauen, Kinder, auch alte und Kranke. Viele überlebten die Reise von über tausend Kilometern nicht. Als Tuqlaq feststellte, dass Daulatabad doch nicht als Hauptstadt taugte, wiederholte sich das Spektakel in die andere Richtung. Daulatabad blieb dennoch eine glanzvolle Metropole, die anscheinend mit Delhi rivalisieren konnte.
Daulatabad
Heute ist Daulatabad ein verschlafenes Städtchen. Von seiner glanzvollen Zeit ist jedoch ein sehr beeindruckendes und relativ gut erhaltenes Fort mit drei Befestigungsreihen übrig geblieben. Der Kern des Forts liegt zudem auf einem Pyramidenförmigen Hügel, bei dessen Anblick man sich gut vorstellen kann, wie schwer es gewesen sein muss, es einzunehmen. Dieser Eindruck bestätigt sich beim Aufstieg des Hügels. Unter anderem muss man dabei ein Stück durch einen stockdunklen Tunnel gehen, an dessen oberen Ende die Verteidiger der Burg im Belagerungsfall Feuer entfachten, um im Tunnel für den Feind unerträgliche Hitze entstehen zu lassen.
Da inzwischen die Sonne mit voller Kraft knallt ist der Steile Aufstieg sehr beschwerlich. Allerdings wird man am Gipfel mit einer sehr schönen Aussicht auf das Fort und die Umgebung belohnt, sodass sich die Mühe gelohnt hat. Die Hitze verarbeite ich, wie die letzten Tage auch, durch das Trinken großer Mengen von Wasser. Mein Wasserverbrauch liegt dieser Tage bei 5-6 Litern am Tag. Bei um die 40 Grad im Schatten ist das auch nötig.

Sonntag, 22. Mai 2011

Die Grotten von Ajanta

Wie angekündigt hatte ich Aurangabad deshalb als Etappe auf meiner Reise gewählt, weil ich die unweit gelegenen von Mönchen geschaffenen und kunstvoll gestalteten Grotten von Ellora und Ajanta besichtigen wollte. Beide sind UNESCO Weltkulturerbe, da jede für sich auf ihre Art einzigartig sind.
Aus praktischen Gründen beginne ich mit einem Tagesausflug nach Ajanta. Das ist ohnehin ganz sinnvoll, denn die dortigen Grotten sind älter als diejenigen in Ellora. In Ajanta findet man insgesamt 30 Grotten, die allesamt von buddhistischen Mönchen aus dem Berg geschlagen und kunstvoll ausgestaltet wurden. Die Grotten von Ajanta entstanden in zwei Perioden: die älteren etwa vom 2. Jahrhundert vor Christi Geburt bis zum ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung. Insbesondere, weil der Buddhismus in dieser Zeit strenger war, sind diese Grotten schlichter. Die jüngeren stammen aus der Zeit vom 4. bis 6. Jahrhundert, diese sind teilweise deutlich kunstvoller gestaltet. Man unterscheidet zudem zwischen Viharas, also Klöstern, und Chaityas, also Tempeln. Der Unterschied ist leicht erkennbar, Viharas enthalten Zellen für die Mönche, Chaityas ähneln in der Form meist einem Kirchenschiff.
Die Konkurrenz mit Ellora und schließlich der Niedergang des Buddhismus in Indien ab dem 9. Jahrhundert ließen die Grotten von Ajanta in Vergessenheit geraten, bis sie im 19. Jahrhundert zufällig von britischen Soldaten wiederentdeckt wurden. Diesem Umstand ist wohl zu verdanken, dass in manchen der Grotten die sensationelle Wandbemalung erhalten blieb, welche zusammen mit den buddhistischen Skulpturen den Reiz des Orts ausmachen. In manchen der Grotten ist man angesichts der Kunstwerke einfach nur überwältigt, vor allem, wenn man sich vergegenwärtigt, dass die Werke und die sie beherbergenden Grotten teilweise vor über 2000 Jahren mit reiner Muskelkraft und relativ einfachen Werkzeugen geschaffen wurden.
Angesichts der schwachen Lichtverhältnisse in den Grotten waren de Voraussetzungen für das Fotografieren nicht optimal, ich habe jedoch versucht, markante Wandzeichnungen und ein paar beispielhafte Skulpturen festzuhalten. Hier das Ergebnis.

Samstag, 21. Mai 2011

Kleiner Einschub zur indischen Politik

Ich hatte ja kürzlich im Vorbeigehen erwähnt, dass in den letzte Wochen in Kerala und vier weiteren Bundesstaaten und Unionsterritorien hier in Indien Wahlen zur Erneuerung der jeweiligen Parlamente stattfanden. Nachdem seit den Wahlen genügend Zeit vergangen ist, damit sich die im Wahlkampf erhitzten Gemüter beruhigen konnten und der Chief Electoral Officer prüfen konnte, ob alles seine Richtigkeit hatte, wurden am 13. Mai die Stimmen ausgezählt (es wird mit Wahlcomputern gewählt, das geht also schnell) und die Ergebnisse bekannt gegeben.
Wie bei Landtagswahlen in Deutschland versucht die indische Presse, aus den Ergebnissen dieser „kleinen General Election“ Trends für den Gesamtstaat abzulesen. Das ist in Indien aber noch schwieriger als in Deutschland, denn das indische Parteiensystem und die indische Politik ist ein extrem kompliziertes Geflecht, in dem regionale Gegebenheiten – auch bei den Wahlen zum Bundesparlament – eine wichtige Rolle spielen.
Trotz des von der britischen Kolonialmacht geerbten Wahlsystems der relativen Mehrheitswahl in Einerwahlkreisen, das im Regelfall Zweiparteiensysteme hervorbringen soll, gibt es in Indien ein atomisiertes Vielparteiensystem. Das liegt daran, dass es hier außer der Kongresspartei kaum Parteien gibt, die im ganzen Land erfolgreich an Wahlen teilnehmen können. Selbst die größte Oppositionspartei, die hindunationalistische BJP, tut sich von jeher schwer, außerhalb des hindustanischen Kernlandes Wahlerfolge zu feiern und bleibt in Süd- und Ostindien eine Randerscheinung. Vielmehr gibt es eine Vielzahl von Regionalparteien, Spezialinteressenparteien und auch Volksparteien mit regionalen Hochburgen. Das ganze macht es für eine einzelne Partei vor allem auf Bundes- aber auch auf Staatsebene fast unmöglich, alleine eine Regierungsmehrheit zu bilden. So entstehen bereits im Vorfeld von Wahlen Parteienallianzen (üblicherweise Alliance oder Front genannt), deren Bestandteile sich untereinander die Wahlkreise aufteilen und hier nicht gegeneinander antreten.
Das macht das Verfolgen der indischen Politik für den Außenbetrachter äußerst kompliziert. Auch nach mehrwöchiger regelmäßiger Lektüre von The Hindu und der Times of India fällt es mir schwer, alle Feinheiten der politischen Berichterstattung zu begreifen. Das liegt nicht nur am komplizierten Parteiensystem, sondern auch an der indischen politischen Kultur. Typischerweise kocht hier ein Thema hoch, wird extrem emotional und erhitzt debattiert, kühlt wieder ab und gerät gar in Vergessenheit bis es schließlich vom nächsten Thema abgelöst wird. Begleitet wird das ganze von sehr erregten Debatten in den beiden Parlamentskammern, Demonstrationen, bei denen Oppositionspolitiker in der ersten Reihe marschieren und die Lathi-Schläge (Lathi=Bambusstock) der Politzei einstecken müssen, Mahnwachen, Hungerstreiks („fast onto death“, auch gerne von Oppositionspolitikern verwendet) und ähnlichem. Die 24-Stunden Nachrichtensender berichten dann gerne live mitten aus dem Getümmel.
Seit ich hier bin haben zwei große Themen die Nation beschäftigt. Das eine ist die Korruption, von der die meisten Inder das Gefühl haben, dass sie in letzter Zeit zugenommen hat. Studien zeigen zwar das Gegenteil, doch ist vor allem die immer größer werdende Mittelschicht diesbezüglich aufmerksamer geworden, sodass eine Anti-Korruptions-Stimmung entstanden ist. Zudem gab es in den letzten Jahren mehrere größere Korruptionsfälle auf höchster Ebene, u.a. bei der Vergabe von Mobilfunklizenzen und bei Aufträgen im Rahmen der Commonwealth Games. Anfang April begann der „Gandhianer“ Anna Hazare einen „Fast onto Death“, um die Bildung eine Anti-Koppuptions-Kommission unter Beteiligung der Zivilgesellschaft zu erzwingen. Diese sollte ein sehr scharfes Antikorruptionsgesetz erarbeiten. Die Unterstützung in der Bevölkerung war derart groß, überall fanden Kundegebungen und solidarische Hungerstreiks statt, dass die Regierung nachgeben musste. Ein Gesetzesentwurf, von der inzwischen zusammengestellten Kommission erarbeitet, soll nun bereits in wenigen Wochen in der „Monsunssession“ des Parlaments eingebracht werden.
Ein weiteres Beispiel für die emotionale Politische Debatte in Indien sind derzeitige Unruhen in Uttar Pradesh, wo es Streit um die angemessene Entschädigung von Landwirten gibt, die ihr Land für Infrastrukturmaßnahmen abtreten sollen. Die Regierung des Bundesstaats, pikanterweise geführt von der BSP, die sich als Vertreter der Interessen der Unterdrückten und insbesondere der Unberührbaren sieht, hat die Polizei gewaltsam gegen demonstrierende Landwirte vorgehen lassen. Die Oppositionsparteien haben es sich nicht nehmen lassen, das Ereignis politisch auszuschlachten. Politische Prominenz ist nun vor Ort, veranstaltet Kundgebungen, droht Hungerstreiks zur Unterstützung der Bauern an. Mehrere Politiker wurden zwischenzeitlich festgenommen, darunter auch der mächtige und beliebte Generalsekretär der Kongresspartei und Hoffnungsträger der Nehru-Gandhi Dynastie, Rahul Gandhi. Mit so etwas können die Politiker hier ihre Glaubwürdigkeit stärken und ihre Volksnähe beweisen.
Zu den Regionalwahlen. Hier kann man die drei wichtigsten Bundesstaaten kurz ansprechen, die gewählt haben. In Kerala gab es, wie schon bei jeder Wahl seit 1980, einen Machtwechsel. Die Kongresspartei und ihre Verbündeten haben die Macht von den Kommunisten zurückerobert, jedoch nur mit einer hauchdünnen Mehrheit von zwei Sitzen. Da in der siegreichen Allianz zahlreiche kleine Parteien mit nur 1-2 Abgeordneten Vertreten sind, ergibt sich für sie ein ungeheuerliches Erpressungspotential.
Für ein politisches Erdbeben hat das Ergebnis der Wahlen in Westbengalen geführt. Hier wurde die Kommunistische Partei nach 34 Jahren ununterbrochener Regierungszeit (die längste Regierungszeit einer demokratisch gewählten KP auf der Welt) geradezu aus dem Amt gejagt. War dies aufgrund der allgemeinen Stimmungslage wegen des wirtschaftlichen Misserfolgs Westbengalens und der Abwanderung der gebildeten Jungend aus dem Bundesstaat erwartet worden, so überraschte doch das Ausmaß der Niederlage. Neue Ministerpräsidentin wird hier die äußerst beliebte und sehr sympathische Manmata Bannerjee. Interessanterweise gewann sie übrigens, indem sie die Loyalität der Landbevölkerung für sich gewinnen konnte, bisher die treuste Gefolgschaft der Kommunisten.
In Tamil Nadu schließlich zeigte sich, dass die Demokratie auch in Indien ihre Funktion erfüllt, Parteien abzuwählen, deren Anführer eher in die eigene Tasche wirtschaften als das Allgemeinwohl zu steigern. Die als besonders Korrupt geltende Regionalpartei DMK (die wie eine Familiendynastie geführt wird) wurde gnadenlos abgestraft. Regieren wird hier nun auch eine Frau, die bereits zum dritten Mal das Amt des Chief Ministers bekleidet, … von der AIADMK (die andere große Regionalpartei Tamil Nadus). Übrigens ist es in Tamil Nadu Gang- und Gäbe, dass Stimmen auf dem Land mit Geld oder Sachgeschenken gekauft werden. Da beide Seiten dieses Spielchen betreiben, kann man seinen Nutzen aber in Frage stellen.
Schließlich habe ich beobachtet, dass bei allen Wahlen eine hohe Wahlbeteiligung von 75-85% gemessen wurde. Werte, über die wir uns, gerade bei Landtagswahlen, sehr freuen würden. Bei allen Defiziten, die ihr nachgesagt werden, die indische Demokratie ist durchaus vital.

Montag, 16. Mai 2011

Muslimisch geprägte Städte auf dem Deccan – Bijapur, Hyderabad, Aurangabad

Nach den vielen dravidischen Hindutempeln ist mal ein Stil- und Epochenwechsel angebracht. Da trifft es sich gut, dass meine Reiseroute mich in Städte führt, deren prägende Zeit ein paar Jahrhunderte später liegt, eher im 16. bis 18. Jahrhundert und eine andere Kultur den Ton angibt: der indische Islam.
Imbrahim Rouza Mausoleum
Bijapur liegt im Norden Karnatakas, etwa 150 Kilometer von Badami entfernt. In ihrer Blütezeit vom 15. bis 17. Jahrhundert war Bijapur die Hauptstadt des gleichnamigen Deccan-Sultanats. Deren Herrscherdynastie, die Adil Shah, erbauten hier zahlreiche sakrale und weltliche Gebäude im Indoislamischen Stil, die heute noch das Stadtbild prägen. Zwei Mausoleen stechen dabei besonders hervor. Golgumbaz, ein riesiger Kuppelbau, beeindruckt neben seiner Größe vor allem durch seine Phänomenale Akkustik. In der sogenannten Flüstergalerie direkt unterhalb der Kuppel kann man angeblich jeden noch so leisen Ton von weitem hören. Ich kann das schwer testen, da ich alleine unterwegs bin. Auch zu zweit wäre das jedoch schwierig, denn die Besucher des Denkmals proben eine andere Eigenschaft der tollen Akustik: das Echo. Ich klatsche in die Hände und zähle, dass die Wände den Ton 12 Mal wiedergeben. Das Ibrahim Rouza Mausoleum wiederum glänzt durch seine Ästhetik. Es soll eine Inspiration für das Taj Mahal gewesen sein.
Bijapur ist auch heute noch sehr muslimisch geprägt. An jeder Ecke steht eine kleine Moschee. Auch die Bevölkerung scheint hier zu einem großen Anteil der islamischen Religionsgemeinschaft anzugehören. Man sieht nicht nur viele verschleierte Frauen, auch zahlreiche Männer und Jungen tragen traditionelle indisch-muslimische Kleidung. Ansonsten habe ich Bijapur jedoch nicht gerade als angenehme Stadt empfunden. Diese ist besonders staubig und zugemüllt, selbst die weniger glanzvollen Monumente sind verschmutzt durch Plastikmüll. Um die Zitadelle in der Mitte der Stadt ist zudem ein kleiner Slum entstanden, deren Bewohner hinter den Mauern des Forts ihre Notdurft verrichten. Da Bijapur abseits der üblichen Touristenrouten liegt, ist man hier als „Foreigner“ eine Attraktion, nicht nur für die Kinder. Nach dem hundertsten Mal (das ist nicht übertrieben) hat man auf folgendes Gespräch definitiv keine Lust mehr: „Hello, what is your name?“ - „Pierre“ - „Which country?“ - „Germany“. Und in der Langversion noch gerne „Photo please!“ Fotos hier.
Golconda Fort
Recht spontan entscheide ich, anschließend Hyderabad anzusteuern. Auch diese Stadt ist sehr muslimisch geprägt, man sieht neben Schildern auf Telugu und Englisch auch viele in arabischer Schrift, welche für die Urdu-Sprache der indischen Moslems verwendet wird. Die Hauptstadt Andhra Pradeshs geht auf die Dynastie der Qutub Shahi zurück, die bis zu deren Eroberung durch den Mogulkaiser Aurangzeb (1687) über das Sultanat Golconda herrschten. Nach dem Einflussverlust der Mogulen wurde deren ehemaliger Statthalter zum Herrscher über das Reich von Hyderabad. Dessen Nachfolger regierten hier als Nizzam von Hyderabad bis zur indischen Unabhängigkeit und sammelten bis dahin ein legendäres Vermögen an. Gerne hätte der damalige muslimische Nizzam sein mehrheitlich von Hindus bewohnte Herrschaftsgebiet Pakistan angeschlossen, doch die Zentralregierung in Delhi war anderer Meinung und setzte diese mit Hilfe der Armee durch.
Hyderabad ist heute eine Millionenmetropole, die mich fast ein bisschen überfordert hat. Die Stadt war zumindest gefühlt der bisher heißeste Ort, den ich hier in Indien besucht habe, ich entnehme der Zeitung, dass die Höchsttemperatur 42° C betrug. Zudem habe ich mich trotz des Erwerbs eines Stadtplans ein paar Mal verlaufen. Auch so manche Straßenüberquerung gestaltete sich trotz des Vorhandenseins von Ampeln und Zebrastreifen als Abenteuer, aber es blieb einem nichts anderes übrig, als sich todesmutig durch den Verkehr zu schlängeln. Die Müdigkeit durch die Nachtbusfahrt machte das ganze nicht besser.
Ich besuchte in Hyderabad die wichtigsten Sehenswürdigkeiten im Ort. Dazu gehören unter anderen der Charminar, eine Art Triumphbogen mit integrierter Moschee in der Mitte der Altstadt und wahrzeichen Hyderabads. Das Viertel um den Charminar ist ein riesiger Bazaar. Es ist voll wie in der Mönckebergstraße an einem Adventssamstagnachmittag, doch dazu kommt noch der chaotische Straßenverkehr. Man muss sich richtig durch die Massen kämpfen und dabei aufdingliche Verkäufer abwimmeln. Weiterhin besuche ich das sehr sehenswerte riesige Fort von Golconda sowie den benachbarten Mausoleumskomplex der Qutub Shahi, den sehr hübschen Marmortempel Birla Mandir und die riesige Buddhastatue im Hassan Sagar See.
Hyderabad ist übrigens ein wichtiger Standort der indischen IT-Branche und wird daher gerne auch Cyberabad genannt. Das hat hier ein kaufkräftige Mittelschicht hervorgebracht, was man der Stadt anmerkt. Die Geschäfte im kommerziellen Zentrum, wo ich untergebracht bin, bezeugen, dass hier Menschen leben, die es sich leisten können, konsumfreudig zu sein. Dennoch: beim betreten einer Mall wird man durch die Securityangestellten abgetestet. Ich betrete erstmals auf meiner Reise einen richtigen Supermarkt und stelle fest: Kosmetikartikel kosten hier das selbe oder gar mehr als bei uns. Damit ist Shampoo, Deo oder Duschgel hier ein Luxusgut. Inder benutzen für alles Seife, die ist hier spottbillig. Fotos.
Taj Mahal? Nein, Bibi-ka-Maqbara
Nach einer weiteren Nachtbusfahrt erreiche ich Aurangabad. Der Gründer und Namensgeber der Stadt ist Aurangzeb, der spätere Mogulkaiser, der hier während der Regentschaft seines Vaters Shajahan seiner Rolle als dessen Statthalter (Subedar) für den Süden des Mogulreiches nachging. Markantestes Monument der Stadt ist denn auch Bibi-ka-Maqbara, das Mausoleum für die Ehefrau Aurangzebs. Dieses wird, je nach Blickwinkel des Betrachters, gerne auch „Taj Mahal des Deccans“ oder „Taj Mahal für Arme“ genannt. Wer die Fotos betrachtet wird das schnell nachvollziehen können. Bei Aurangabad gibt es auch sehr sehenswerte buddhistische Tempelgrotten, die jedoch wenig besucht werden, da sie von den unweit gelegenen Höhlen in Ellora und Ajanta überschattet werden. Diese waren auch der Hauptgrund für meinen Besuch in Aurangabad, ich sollte sie in den folgenden Tagen erkunden.

Donnerstag, 12. Mai 2011

Im Land der Chalyukas – Badami, Pattadakal, Aihole

Eine unerwartet lange Busreise durch das ländliche Karnataka bringt mich in die Kleinstadt Badami, etwa 140 Kilometer nördlich von Hampi. Die Gegend, die ich durchfahren habe, ist wenig besiedelt und landschaftlich unspektakulär, es sind die Weiten der Hochebene des Dekkan. Das ist das Kernland des südlichen Subkontinents, weit entfernt von den modernen Großstädten und den dicht besiedelten Küstenregionen. Hier sieht man kaum Privatautos, dafür viele Ochsenkarren. An jeder Bushaltestelle und auch in Badami rennen ganze Schweinefamilien durch die Gegend und durchwühlen den Boden nach Essbarem.
Pattadakal
Badami war vom V. bis VIII. Jahrhundert die Hauptstadt der Chalyuka-Dynastie, deren Reich in seiner größten Ausdehnung bis hinunter nach Kanchipuram reichte. Die Chalyukas waren Pioniere der Tempelbaukunst und gründeten den dravidischen Tempelbaustil, den man in weiten Teilen Südindiens vorfindet. In Badami sowie in den nahe gelegenen Orten Pattadakal und Aihole befinden sich sehr zahlreiche Tempel, denn in diesen drei bedeutendsten Städten des Chalyuka-Kernlandes experimentierten die damaligen Herrscher in Sachen Tempelbau. Badami beheimatet zudem vier reich verzierte Tempelgrotten.
Den ersten vollen Tag vor Ort widmete ich mich dem Besuch von Aihole und Pattadakal. Mit einem Autoriskshaw ließ ich mich durch die Gegend fahren, bis Aihole in Begleitung einer indischen Familie, dann alleine. Allerdings nahmen wir immer wieder ein paar Leute ein Stück mit, denn die Busse verkehren in der Gegend relativ selten. In beiden Orten kann man sich in Sachen Tempeln sattsehen, in Aihole gibt es ebenfalls kleinere Tempelgrotten. Das Tempelensemble von Pattadakal ist UNESCO Weltkulturerbe, es ist in der Tat in seiner Art eine einmalige Tempelsiedlung. Auf dem Rückweg machen wir noch einen kurzen Halt im Tempel von Mahakutra. Dieser ist sehr geschäftig, was unter anderem sicher auch daran liegt, dass man hier im Tempelbecken baden kann. Ich stürze mich allerdings nicht zu den Massen in die Fluten.
Badami
Am zweiten Tag erkunde ich Badami. Der Ort hat weit mehr zu bieten als nur die berühmten Grotten. Die Altstadt ist hier noch sehr ursprünglich, sie besteht aus geweißten einstöckigen Lehmziegelhäuschen. Man kann hier durch die Straßen wandeln, dabei hunderten von Kindern sagen, wie man heißt und wo man herkommt, den Schweinen beim durchpflügen der offenen Kanalisation zuschauen und einfach die Stimmung aufnehmen. Die Stadt liegt an einem großen Wasserbecken und ist von drei Seiten umgeben von Felswänden, in die an den beiden Extremitäten Forts integriert sind. Überall in der Stadt, auf den Felsen und um das Wasserbecken stehen Tempel. Ich unternehme einen sehr schönen Spaziergang entlang des Gipfels der Felsen, vom Nordfort zum Südfort, wo man ein wenig Ruhe vom geschäftigen Treiben im Ort hat und gleichzeitig tolle Aussichten auf Badami und die Umgebung genießen kann.
Dancing Shiva
Ich beende den Tag mit dem Besuch der Tempelgrotten, die beeindruckende Wandreliefs zu bieten haben. Diese sind erstaunlich gut erhalten. Eine Wandskulptur sticht besonders hervor: ein 18-armiger Nataraja (tanzender Shiva), der auf diese Art 81 Tanzpositionen veranschaulicht. Ich verbringe hier auch viel Zeit damit, Fragen nach meiner Herkunft zu beantworten und Fotos von und mit indischen Familien zu machen. Es ist Sonntag, entsprechend werden unaufhörlich Busladungen von Wochenendtouristen zu den Grotten gebracht. Es wimmelt hier zudem vor Affen, die durch ihr Treiben das Interesse der Touristen fast genauso stark auf sich ziehen wie die vier Grotten.
Wie immer habe ich meinen Aufenthalt bei den Chalyukas ausführlich photographisch dokumentiert.

Sonntag, 8. Mai 2011

Wandeln durch die Trümmer eines vergessenen Reichs – Hampi

Man stelle sich vor, Paris sei im 18. Jahrhundert, also zu seiner glanzvollen Zeit, von den Briten erobert und zerstört worden. Frankreich wäre zerfallen, Paris in der Bedeutungslosigkeit versunken und schließlich aufgegeben worden. Danach wäre es Jahrhunderte lang als verlassene Trümmerstadt vor sich hin verfallen.
So ähnlich erging es der Stadt Vijayanagar. Sie war die Hauptstadt des gleichnamigen Reichs, das sich zu seiner Glanzzeit im 15. und der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts über ganz Südindien erstreckte. Die Stadt war, glaubt man Zeitzeugenberichten, eine der schönsten und modernsten Städte der Welt und mit einer halben Million Einwohner für damalige Zeiten eine riesige Metropole. Es gab ein ausgebautes Straßennetz und ein ausgeklügeltes Bewässerungssystem mit Aquädukten. 1565 jedoch wurde Vijayanagar von einer Allianz von Sultanaten aus dem Deccan komplett zerstört, das Riesenreich zerfiel und die Stadt wurde aufgegeben. Heute ist sie besser bekannt als Hampi und man kann hier die Überreste dieser glanzvollen Metrolpole erkunden.
Zwei volle Tage lang bin ich damit beschäftigt, zu Fuß und mit dem Fahrrad die Ruinen des Weltkulturerbes Hampis zu erkunden. Diese sind in eine sehr schöne Landschaft eingebettet, felsig und dennoch relativ grün. Beschränkt man sich nicht auf die Hauptattraktionen (Vittala Tempel, königliches Viertel, Zenana), so kann man hier einsame Stunden verbringen, allein in den Ruinen mit Eidechsen, Vögeln und Affen. Um diese Jahreszeit sind relativ wenige Touristen hier, dafür ist es gerade in der Mittagszeit sehr heiß. Man braucht einen ausreichenden Wasservorrat und schwitzt in kurzer Zeit das T-Shirt durch. Es wäre mühselig, alles aufzuzählen, was ich hier gesehen habe, die Fotos veranschaulichen das ohnehin.
Hampi ist übrigens unerwartet ländlich, man kommt hier für touristische Verhältnisse sehr nah an das Leben der Landbewohner in der Provinz Karnatakas. Sogar in Hampi Bazaar selbst lebt die lokale Bevölkerung außerhalb des Guesthouse-Viertels in ärmlichen Verhältnissen. Hier wurde der alte Bazaar um den Viruprashka Tempel wiederbelebt, die Bevölkerung hat sich in den Ruinen des Bazaars kleine Häuschen eingerichtet und lebt hier auf engen Raum mit ihren Nutztieren (Schafe, Ziegen und Hühner). Wenn man auf der anderen Seite des Tungabhadra Flusses Anegondi erkundet durchquert man zudem deutlich abgelegenere Dörfer, deren Bewohner von der Landwirtschaft leben und die vom Tourismus kaum zu profitieren scheinen. Morgens kann man an den Ghats (das sind die Stufen, die zum Fluss führen) beobachten, wie die lokale Bevölkerung, aber auch indischen Budget-Touristen, ihr morgendliches Bad im Fluss nehmen, sich die Zähne putzen oder auch Wäsche waschen, das alles in einer sehr fröhlichen Stimmung.
Hampi Bazaar ist übrigens auch ein sehr heiliger Ort, in der Gegend sollen sich einige Ereignisse des Ramayana abgespielt haben. Das heißt, dass hier sowohl der Verzehr von Fleisch als auch von Alkohol verboten ist. Zudem erlebt man jeden Abend kleine Prozessionen, die aus unterschiedlichen Anlässen begleitet von Musik durch den Ort führen. Da ich eine Unterkunft in einem kleinen Guesthouse mitten im Ort habe und ich von meiner Zimmertür aus einen guten Blick auch das Straßenleben in einer engen Seitenstraße habe, erlebe ich die besondere Stimmung im Ort aus nächster Nähe. Ich habe mich hier sehr wohl gefühlt.

Samstag, 7. Mai 2011

Kolonialnostalgie und alte Kirchen – Panaji und Old Goa

Panaji
Nach den entspannten Tagen am Strand war es wieder Zeit für Sightseeing. Daher verlegte ich mein Quartier nach Panaji, Goas Hauptstadt. Meine Unterkunft ist ein hübsches Haus in der portugiesischen Altstadt des Ortes. Ähnlich wie in Pondicherry und Fort Cochin ist man in Panaji umgeben von kolonialer Vergangenheit. Auch hier ist die Architektur aus der portugiesischen Zeit gut erhalten, man kommt sich manchmal vor wie in einer etwas heruntergekommenen südeuropäischen Küstenstadt. Dieser Eindruck wird zudem dadurch verstärkt, dass einige einheimische in Panaji, gerade junge Männer und ältere Frauen, durchaus als Portugiesen durchgehen würden. Man kann hier wunderbar durch die Gassen irren und so die Stadt entdecken.
Se Cathedral, Old Goa
Ich erkunde während meines Aufenthaltes hier auch das benachbarte Old Goa, und zwar mit dem Fahrrad. Die alte Hauptstadt der Portugiesen war einst eine glanzvolle Metropole, aufgrund ihrer vielen Kirchen auch das asiatische Rom genannt. Angeblich sollen die Priester Briefe nach Rom geschrieben haben, um sich zu beschweren, weil die Klänge der Glocken und Chöre der Kirchen sich gegenseitig behinderten. Schlimme Seuchen führten jedoch dazu, dass die Stadt aufgegeben wurde und die Hauptstadt 1843 schließlich nach Panaji verlegt wurde. Deshalb ist bis auf die Kirchen von der einstigen Großstadt nichts mehr übrig. Es ist ein wenig surreal, eine solche Ansammlung von Großkirchen anzutreffen, die von keiner Stadt umgeben sind. Die Kirchen sind jedoch durchaus beeindruckend, nicht umsonst gehört Old Goa zum Weltkulturerbe der UNESCO. Besonders bekannt ist in Old Goa die Bom Jesus Basilika, da hier der tote Körper des heiligen Franz Xaver, dem Schutzheiligen Goas, in einem Glassarkopharg aufbewahrt wird. Die Leiche ist auf wundersame Weise nicht verwest und wird alle 10 Jahre den Massen präsentiert. Franz Xaver wird von den Christen in ganz Asien und ganz besonders in Goa sehr verehrt. Lesern von Salman Rushdies Mitternachtskinder oder Joh Irvings Zirkuskind dürfte er bekannt sein.
Der Tag auf dem schrottigen Fahrrad in der Hitze hat mich ganz schön geschafft. Der Hintern tut weh und ich habe geschwitzt wie ein Tier. Daher gönne ich mir, wie übrigens die letzten Tage auch, ein gutes Abendessen. In Goa und ganz besonders in Panaji kann man sehr gut essen. Ich habe neben viel Fisch auch die lokalen Spezialitäten gekostet, wie Fish Vindalao, Chicken Xiacuti oder Porc Bachalao. Kann ich alles empfehlen, man muss jedoch scharfe Gerichte mögen.

Mittwoch, 4. Mai 2011

Nichtstun macht auch müde – am Strand in Palolem und Patnem

Nach der langen Busreise machte ich mich, nicht ohne vorher ein ausgiebiges Frühstück zu nehmen schleunigst auf den Weg zum Strand. Laut Lonely Planet ist Palolem Beach der schönste Strand in Goa. Das mag durchaus sein: in Halbmondform liegt er zwischen Meer und Palmenhainen, an seinen Enden begrenzt durch Felsformationen. Die Idylle ist leider etwas getrübt, dadurch dass sich am Strand über seine komplette Läge Bambushüttenunterkünfte und Strandbars aneinanderreihen. Zudem wimmelt es vor Strandverkäufer, die einem wenig Ruhe lassen. Bitte nicht falsch verstehen: Palolem ist kein Partystrand, doch richtig seine Ruhe hat man hier nicht.
So erkunde ich an meinem zweiten Tag den etwa 2 Kilometer entfernten Patnem Beach, der eher meinem Geschmack entspricht: deutlich weniger Strandhütten und Bars, jetzt in der Nebensaison so gut wie niemand am Strand. Schön ist es hier ebenso. So beschließe ich, mein Quartier hierher zu verlegen. Nachdem ich in Palolem bewusst noch in einem richtigen Haus im Dorf geschlafen hatte, beziehe ich nun die obligatorische Hütte und verfalle in komplette Strandlethargie: außer Baden, Essen, Lesen, am Strand und in der Strandbar rumhängen mache ich nichts. Doch, ein paar Fotos.