



Am nächsten Morgen um 6 Uhr, pünktlich zur Kassenöffnung, standen wir am Eingangstor der wohl berühmtesten Sehenswürdigkeit Indiens, das Taj Mahal. Das von Shah Jahal erbaute Mausoleum gilt als eines der schönsten Bauwerke der Welt. Wir wollen es mal nicht übertreiben, aber das Taj Mahal ist durchaus beeindruckend. Komplett weiß, in einem sehr harmonischen Park gelegen und flankiert von zwei identischen Moscheen ist es den Umweg nach Agra Wert, auch wenn der Eintrittspreis für ausländische Touristen unverschämte 750 Rupies (immehin €11,25) kostet. Nun ja, dafür ist es gut in Schuss.
Nach dem Frühstück auf einer Dachterasse, selbstverständlich mit Taj-Blick, heuerten wir für den Rest des Tages einen Motorikshawfahrer an, um uns zu den restlichen Sehenswürdigkeiten Agras fahren zu lassen. Zunächst ging es zu Akbars Mausoleum, ein ebenfalls sehr prunkvoller Komplex mit Park (inklusive Antilopen) und mehreren Gebäuden voller Ornamente. Es folgte Itimad-ud-Daula, gerne auch Baby Taj genannt, da es sich um ein etwas kleineres aus Marmor g
efertigtes und reich verziertes Mausoleum handelt. Schließlich brachte uns unser Rikshawfahrer zum Agra Fort, das wie das Taj Mahal zum Weltkulturerbe der UNESCO gehört. Das recht weitläufige Fort aus rotem Sandstein beheimatet zahlreiche Paläste, darunter mehrere aus Sandstein (diejenigen, die ein wenig verfallen sind, erinnern deshalb ein wenig an das Heidelberger Schloss), andere aus Marmor. Die Moghul-Architektur erinnerte mich am ehesten an die Alhambra in Granada, doch es ist schwierig, europäische Vergleiche zu ziehen.
Bevor wir zu späterer Stunde mit dem Bus weiter nach Rishikesh ziehen sollten, verbrachten wir noch gemütlich den frühen Abend auf dem Dach unseres Hotels. Das war ein besonders Erlebnis, da man das bunte Leben auf den Straßen von Taj Ganj, aber auch auf den Dächern der Umgebung verfolgen. Ich war begeistert, da ich meine ersten Stadtaffen zu Gesicht bekam. Noch mehr begeistert hat mich, dass auf fast allen Dächern Jungen und junge Männer standen, die Drachen steigen ließen und die aus Khaled Hosseinis „Kite Runner“ inzwischen auch hier bekannten Drachenkämfe fochten. Es geht dabei darum, mit Hilfe der mit Glas verstärkten eigenen Drachenschnur andere Drachen vom Himmel zu holen. Sie alle bereiteten sich für das große Drachenfest vor, das in der kommenden Woche stattfinden sollte. Auch von unserem Dach steigen Drachen empor, der Junge ließ mich gar mal seinen Drachen halten. Es war schön, das mal „in Echt“ zu sehen.
Dies ist eine gute Gelegenheit, um meine ersten Eindrücke an meiner neuen Stelle zu schildern. Noch bin ich inhaltlich nicht voll angekommen, darf punktuell noch für meine alte Abteilung aushelfen und bin noch nicht voll in die Betriebsarbeit eingestiegen. Allerdings bekomme ich schon erste Eindrücke, wie das so laufen wird und ich bin eher angetan. Vertrieb ist in der Tat nicht so unbedingt das, was ich mir darunter vorgestellt habe. Klar, es geht schlussendlich darum etwas zu verkaufen. Doch dahinter steckt einiges an inhaltlicher Arbeit, denn schlussendlich muss man ja die potentiellen Kunden überzeugen, dass sich die Investition lohnt.
Deshalb habe ich auch in den zwei Wochen, die ich nun an meiner neuen Stelle bin, mehr über die Produkte meiner Firma und was dahinter steckt erfahren, als im guten halben Jahr in meiner alten Abteilung. Dabei war ich vorher im „Content Service“, also dort, wo die Medienbeobachtungsdienstleistungen, die „wir“ anbieten, mit Inhalt gefüllt werden. Doch schlussendlich war dies eine reine Produktionstätigkeit. Nun sehe ich, was tatsächlich beim Kunden ankommt (oder ankommen soll): Clippings, Pressespiegel, Analysen. Und Blogrecherche.
Lange Zeit waren mir die Deutschen einfach unsympathisch. Außerdem waren sie schlecht. Wenn man heute überlegt, dass es reichte, wenn ein deutscher Spieler mal ein paar gute Partien in der Bundesliga spielte, um in die Nationalmannschaft zu kommen, weiß man, wie das Niveau war. Selbst im WM-Finale 2002 konnte ich mich nicht richtig für Deutschland begeistern. Anders Frankreich, spielte die Equipe Tricolore zumindest zwischen 1998 und 2002 einfach wunderbaren Fußball. Bei der WM 2006 konnte man ja zum Glück für beide Mannschaften sein, ist Deutschland doch ausgeschieden, bevor die Entscheidung fallen musste.
Hinzu kommt, dass man als Bi-Nationaler einfach dazu neigt, die Mannschaft des Landes zu unterstützen, in dem man nicht lebt. Man grenzt sich dadurch nicht nur von seiner Umgebung hat, es ist auch ein Möglichkeit, die zweite nationale Identität zu pflegen. Diese ergibt sich sonst nicht so oft.
Bei dieser EM neige ich zunehmend dazu, „la Mannschaft“ (wie die Franzosen sie nennen) zu unterstützen. Dank Jürgen Klinsmann und Jogi Löw (der meiner Meinung nach ohnehin der eigentlich Mann hinter dem Erfolg von 2006 ist) macht es wieder Spaß, „unseren Jungs“ (furchtbar!) beim Spielen zuzuschauen. Mag es Defizite in der Abwehr geben, egal, wenigstens gibt es schöne Spielzüge, Torchancen, und Tore. Die Franzosen spielen hingegen jetzt wie die Italiener. Mischen hinten Beton an und warten ab. Solchen Fußball finde ich furchtbar, im Ergebnis kommt so etwas raus wie gestern gegen Rumänien. Hoffentlich ist der Trainer Raymond Domenech bald weg, immerhin wären wir ihn los, wenn die Franzosen in der Vorrunde rausfliegen. Ich hab ja dann noch Deutschland.
Wie manche sicherlich schon festgestellt haben, gibt es eine neue Graphik in der Seitenleiste. Sie zeigt an, wie laut Umfragen das aktuelle Kräfteverhältnis der beiden Parteien im Rennen um die Präsidentschaft, die Senats- , sowie die Repräsentantenhausmehrheit ist. Vor allem die erste Zeile, welche die „EV“, die Electoral Votes oder Wahlmännerstimmen, zählt, erfordert noch einige Erklärungen.
Wie die meisten spätestens seit der 2000er Präsidentschaftswahl wissen, reicht es in den Vereinigten Staaten nicht, die Mehrheit der Wählerstimmen hinter sich zu bringen, um die Präsidentschaft zu erlangen. Vielmehr kommt es darauf an, die Mehrheit der Stimmen im Wahlmännergremium zu erhalten. Dies ist ein Relikt aus der Gründerstaat Amerikas. Jeder der 50 Bundesstaaten entsendet in Electoral College so viele Wahlmänner (und Frauen), wie die Summe seiner Senatoren und Repräsentanten. Jeder Bundesstaat hat immer zwei Senatoren, die Anzahl der Repräsentanten schwankt zwischen einem (für bevölkerungsarme Staaten wie North Dakota oder Alaska) und 53 für Kalifornien. Dies führt de facto zu einer Überrepräsentanz der kleinen Staaten. Die Staaten entsenden also zwischen drei und 55 stimmberechtigte Personen in die Wahlversammlung, die an das Votum der Wähler ihres Heimatstaates gebunden sind. Zwar kann jeder Bundesstaat selbst entscheiden, wie seine Delegation für das Wahlmännergremium zustande kommt, de facto läuft es aber in fast allen Staaten folgendermaßen: Der Kandidat, der die Mehrheit der Stimmer erhält, bekommt alle Elecotral Votes des Staates.
Diese Besonderheit bedeutet, dass Wahlumfragen, in denen einfach Wähler im ganzen Land befragt werden, wenig aussagekräftig für den Ausgang der Präsidentschaftswahl in den USA sind. Vielmehr muss in jedem Bundesstaat die Wählerschaft befragt werden. Am Ende müssen die hypothetischen Wahlmännerstimmen zusammengerechnet werden. Dies macht die Website electoral-vote.com, von der auch die Graphik stammt. Momentan führt Barack Obama nach dieser Zählung. Da sein Umfragenvorsprung in manchen Staaten aber hauchdünn ist, kann John McCain schnell wieder die Führung übernehmen.
Auch wenn dies durch den Präsidentschaftswahlkampf in den Schatten gestellt wird, lohnt es sich auch, die Senats und Repräsentantenhauswahlen im Blick zu behalten. Es sieht danach aus, als könnten die Demokraten hier erdrutschartige Zugewinne erzielen. Selbst wenn also John McCain Präsident werden sollte, hätte er nicht die volle Handlungsfreiheit.
Ich bin nun also seit dem Wochenende in meiner neuen Bleibe im Stadtteil Eimbüttel angekommen und wurde dort von meinen beiden neuen Mitbewohnern sehr nett empfangen. Den Sonntag habe ich trotz der Hitze mit Möbelaufbau und Kisten auspacken verbracht. Montag hatte ich auch noch frei, da wurde aber zum einen das Bürgeramt aufgesucht (Anmelden kostet hier was, ist das nicht unverschämt?), ein neuer Küchentisch besorgt und mit dem Auto durch halb Hamburg gegurkt, um mich beim Vermieter vorzustellen und noch was im Baumarkt zu besorgen. Damit scheiterte leider mein Plan, mit dem Auspacken fertig zu sein, wenn ich am Dienstag mit der Arbeit anfangen würde. Ich sitze also noch ein bisschen im Umzugschaos und bin hin und her gerissen zwischen der Unlust auszupacken und dem Wunsch, es hinter mich zu bringen. Wird aber wohl noch bis zu Wochenende dauern.
Ich bin gerade ohnehin etwas angestrengt durch die vielen neuen Eindrücke, die neuen Informationen, die es zu verarbeiten gilt, das Einstellen auf einen neuen Lebensrhythmus (statt von 6-15 Uhr arbeite ich jetzt von 9-18 Uhr), auf neue Mitbewohner und die Tatsache, dass ich nicht mehr alleine wohne, eine neue Stadt, die schon sehr anders ist und so weiter. Ich werde wieder vieles zu berichten haben und hoffentlich auch dazu kommen!