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Donnerstag, 30. Juni 2011

Noch ein Fort auf dem Weg nach Delhi – Gwalior

Da mir die Strecke von Khajuraho nach Delhi zu lang war, um sie am Stück zu überbrücken, beschloss ich auf dem Weg noch eine Etappe in Gwalior einzulegen. Die Stadt ist vor allem bekannt für ihr riesiges Fort, das von einem Felsplateau aus die Stadt dominiert. Innerhalb der Fortmauern ist allerdings nicht sonderlich viel alte Bausubstanz erhalten. Der Reste des alten Man Singh Palastes sind ziemlich bemerkenswert, da die Fassade mit bunten Fliesen und Tiermotiven verziert ist. Auch einige alte Tempel sind sehr hübsch.
Man Singh Palace
Ich besuche auch den riesigen Palast der Scindias, die bis zur Unabhängigkeit über die Gegend herrschten. Der Prunkbau von 1875 könnte auch ein europäischer Palast sein. Er ist extrem luxuriös, es eher erschreckend, wie sich die damaligen Maharadschas einen solchen Lebensstil gönnten, während ihre Untertanen mit Sicherheit teilweise sehr bescheiden leben mussten. Dennoch bin ich beeindruckt: im Darbar Hall (der Audienzhalle) mit vergoldeten Wänden hängen die zwei größten Kronleuchter der Welt, im riesigen Speiseraum wurden die Gäste mit einer Miniatureisenbahn bewirtet.
Ansonsten ist die Stadt nicht sonderlich interessant, jedoch ziemlich studentisch geprägt und angenehm untouristisch. Das tut nach den vielen Touristenorten, die ich in den letzten Wochen besucht hatte sehr gut. Man findet wieder problemlos einfache kleine indische Restaurants, wo man die scharfe vegetarische Küche genießen kann und wird nicht ständig von Ladenbesitzern genervt, die einem etwas verkaufen wollen. Und das beste: es gibt hier eine Filiale meiner Liebelingsgastronomiekette, dem India Coffee House. Hier gibt es zu günstigen Preisen guten Bohnenkaffee (hier eine Seltenheit), denn sie wird von der Kooperative der indischen Kaffeebauern getragen. Meine Frühstücke habe ich folglich hier eingenommen.

Mittwoch, 29. Juni 2011

Kama Sutra unter dem Regenschirm – Khajuraho

Als ich morgens mit dem Zug Khajuraho erreiche erwartet mich eine ungewohnte Situation: es regnet. Der Südwestmonsun hat die Gegend erreicht, sodass der von den einheimischen lang erwartete Regen nun endlich herunterkommt. Es sind keine riesigen Wassermassen, sondern eher wie ein normaler Regentag bei uns. Da ich diese Woche mit sehr leichtem Gepäck reise habe ich meine Regenjacke jedoch i Delhi gelassen. Es bleibt mir also nichts anderes übrig, als mir einen Regenschirm zu kaufen, um das Sightseeingprogramm des Tages zu absolvieren.

Khajuraho ist weltweit bekannt für seine Tempel, die mit Kama Sutra Skulpturen verziert sind. Tatsächlich findet man zahlreiche erotische Darstellungen, teilweise von sehr abenteuerlichen Sexualstellungen. Allerdings sind die Tempel nicht unbedingt deshalb mit die beeindruckendsten, die ich auf meiner Reise durch Indien gesehen habe. Das will was heißen, bekanntlich habe ich eine sehr große Zahl von heiligen Stätten hinter mir. Die Skulpturen von Khajurahos Tempeln sind undheimlich detailreich und aufwändig. Die dargestellten Frauen sind wunderschön und scheinen zu tanzen oder mitten in einer ihrer Alltagsbeschäftigungen gefangen. Man kann sich kaum sattsehen und kann sehr viel Zeit damit verbringen, versteckte Details zu entdecken und kleine Schätze in Ecken und dunklen Winkeln entdecken.
Außer den Tempeln gibt es in Khajuraho jedoch nicht viel zu sehen. Bis auf ein altes Dorf besteht der Ort ausschließlich aus touristischer Infrastruktu, die weniger auf Budgettouristen ausgerichtet ist als beispielsweise in Hampi, sondern vielmehr die zahlreichen Pauschaltouristen beglücken soll, die hier einen Halt einlegen. Ich fand den Ort nich sonderlich sympathisch und bin am nächsten Morgen gleich nach Gwalior weitergezogen.

Mittwoch, 25. Mai 2011

Unvergesslich Erfahrungen spiritueller und kultureller Art – Ujjain

In Ujjain hätte ich nicht unbedingt eine Etappe eingelegt, doch da ich keine Lust auf eine erneute endlose Busfahrt hatte und die Stadt auf meiner Route lag, beschloss ich, dort eineinhalb Tage zu verbringen. Ujjain ist eine der sieben heiligen Städte Indiens, sie ist zudem einer der vier Orte, wo alle 12 Jahre eine Kumbh Mela stattfindet. Hier befindet sich weiterhin einer der 12 heiligen Jyoti Lingas Indiens, also solche Shiva Lingams (phallische Shiva-Ikonen, eigentlich soll das eine Lichtsäule darstellen), die ihr Shakti (Schöpfungsenergie) von Natur aus in sich haben und nicht erst durch priesterliche Rituale gewinnen. Zudem liegt Ujjain genau auf dem nördlichen Wendekreis und ist das indische Greenwich, sodass hier der Nullmeridian der indischen Geographie verläuft.
Trotz seiner langen und bewegten Geschichte ist Ujjain nicht sehr hübsch anzuschauen, es gibt zwar unzählige Tempel, doch diese sind architektonisch nicht interessant. Da Ujjain immer mal wieder in die Hände muslimischer Eroberer fiel, wurden seine Tempel mehrfach zerstört, die heutigen Versionen stammen meist aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Man kann hier eher die Stimmung einer heiligen Pilgerstadt einfangen. Dies geht am besten an den Ghats, also den Stufen hinab zum Fluss, wo die Gläubigen sich im Shipra Fluss von ihren Sünden reinwaschen. Ich verbringe am Ram Ghat einige Zeit bei Einbruch der Dunkelheit und am frühen morgen, beobachte de Geschehnisse und Rituale und versuche, die Stimmung einzufangen. Die Gesänge, das Getrommel, die kleinen Feuer, die badenden Menschen, das ist schon was besonderes.Erstaunlicherweise hat das ganze eine beruhigende Wirkung.
Ich wage zudem einen Besuch im Mahakaleshwar Tempel, wo der Schrein mit dem Jyoti Linga liegt. Das ist ein Erlebnis für sich. Der Tempel ist so angelegt, dass hier riesige Massen an Gläubigen durchgeschleust werden können. Es gibt einen Warteschlangenbereich wie bei Großattraktionen von Vergnügungsparks. Heute ist relativ wenig los, trotzdem stehe ich eine Weile in der Schlange, die auch durch die Katakomben des Tempels führt. Hier herrscht bereits eine aufgekratzte Stimmung, die Pilger haben alle ihre Gaben für den Gott dabei (hauptsächlich Blumen, Kokosnüsse, Milch), es wird gesungen und geplaudert. Ich errege natürlich Aufmerksamkeit und werde in Unterhaltungen einbezogen. Auf dem Weg kommt man immer wieder an anderen Schreinen vorbei, wo man schon Gaben loswerden kann. Schließlich komme ich ins von Bramahnen bewachte Heiligtum: hier herrscht eine Riesenhektik, da jeder seine Opfergaben loswerden will, alles drängt sich um das Linga. Das ist schon ein Erlebnis. Allerdings denke ich, dass es an manchen katholischen Pilgerstädten ähnlich zugehen muss.
Eine weitere Erfahrung, die ich wohl nicht so bald vergessen werde, mache ich bei der Weiterfahrt aus Ujjain nach Baroda, meine nächste Etappe. Die einzige gute Möglichkeit, die Strecke zu überwinden, ist der Zug. Leider sind die reservierbaren Plätze alle ausgebucht, sodass mir nichts anderes übrig bleibt, als eine Fahrkarte für die Second Class zu kaufen, wo man nicht reservieren kann. Indische Züge haben eine Vielzahl von Klassen, die Standardklasse ist die Sleeper Class, die in etwa unserer zweiten Klasse entspricht, nachts werden die Abteile in Liegewagen umfunktioniert. Von der Second Class gibt es immer nur wenige Wagen pro Zug, die Tickets hierfür sind zwar sensationell günstig (ich zahle umgerechnet € 1,50 für eine über 300 Kilometer Zugreise), dafür ist sie meist komplett überfüllt.
Als der Zug im Bahnhof von Ujjain einfährt, ist der 2nd Class Wagen bereits so voll, dass eigentlich (zumindest aus naiver europäischer Sicht) keiner mehr hineinpasst. Ich quetsche mich zusammen mit vielen anderen zusteigenden Passagieren dennoch hinein, mit meinem großen Rucksack auf dem Rücken ist das schon eine Herausforderung für sich. Mit Hilfe der um mich herum stehenden Leute entledige ich mich dann meines Rucksacks, der über die Köpfe hinweg in eine der Toiletten befördert wird, die als Stau- und zusätzlicher Stehraum für die Reisenden umfunktioniert wurde. Es ist ein Türkenklo, die Toilette ist durch eine Platte abgedeckt, es ist also sauber und frei von unangenehmen Gerüchen. Die sechseinhalb Stunden Fahrt verbringe ich zunächst stehend vor der Toilette, dann auf meinem Rucksack sitzend drin. Den Raum teile ich natürlich mit ein paar anderen Menschen.
Es entsteht auf der Fahrt ein, wie ich finde, recht einmaliges Gemeinschaftsgefühl. Ziemlich schnell fangen die Leute an, sich zu unterhalten. An den Bahnöfen wechselt man sich ab, um an den Wasserstellen seinen Wasservorrat aufzufüllen oder was zu Essen zu holen (Halte sind immer recht lang). Die Toilette wird zudem immer mal wieder als heimlicher Raucherraum genutzt. Ich finde es sehr schade, kein Hindi zu können, sodass ich mich nicht mit meinen Mitpassagieren unterhalten kann. Diese können allesamt kein Englisch, sagen aber immer wieder mit vielsagendem Blick „Indian Railways“ zu mir, wenn mal wieder viel gedrängelt wird. Ich bin froh, als der Zug gegen Mitternacht in Baroda ankommt. Auch wenn ich sie nicht unbedingt wiederholen möchte, war dies eine unvergessliche Erfahrung, die man wohl nur in Indien machen kann.
Hier ein paar wenige Fotos von Ram Ghat.

Dienstag, 24. Mai 2011

Mandu: ein Hampi auf muslimisch

Eine 15-stündige Nachtbusreise bringt mich über Indore nach Mandu. Das letzte Stück der Fahrt geschieht in einem völlig überfüllten Regionalbus. Ich stehe im Mittelgang und muss mich leicht bücken, da die Decke so niedrig ist. Außer mir tangiert dieser Umstand jedoch niemanden, ich bin mit Abstand der größte an Bord. Der Bus ist so voll, dass teilweise einige Passagiere auf dem Dach mitfahren.
In Mandu quartiere ich mich zunächst im Hotel Maharaja ein. Der Name lässt das Hotel in besserem Licht dastehen, als es der Wahrheit entspricht. Die Räume sind etwas heruntergekommen und um einen vertrockneten Garten angelegt. Dafür ist es günstig. Ich darf mir mein Zimmer aussuchen, denn ich bin der einzige Gast. Die Entscheidung ist nicht schwer: ich nehme das einzige mit funktionierender Dusche.
Mandu war lange Zeit die Hauptstadt der Herrscher von Malwa, wie diese Gegend im heutigen Madhya Pradesh einst hieß. 1304 wurde die Stadt vom Sultanat in Delhi erobert und war seither muslimisch. Der Afghane Dilawar Khan wurde 1401 Gouverneur der Region und gründete hier sein eigenes Königreich. Mandu ist daher durch afghanische Architektur geprägt. Nachdem die Marathen das Königreich im 18. Jahrhundert eroberten, wurde die Hauptstadt nach Dhar verlegt, Mandu verfiel. Heute ist es lediglich ein verschlafenes Dorf, von dem aus man das 20 Quadratkilometer große Hochplateau erkunden kann, auf dem sich die Stadt einst erstreckte. Überall sind mehr oder minder gut erhaltene Ruinen verstreut, hauptsächlich von Palästen, Moscheen und Mausoleen. Es ist ein wenig wie in Hampi, nur dass einen eben keine Hindutempel, sondern Moscheen und Mausoleen erwarten und kaum etwas los ist.
Man fühlt sich hier ein wenig in einer eigenen Welt, fern von der Betriebsamkeit der Städte und touristischen Orte, die ich bisher besucht habe. Mandu wird ohnehin nicht gerade von Touristen überrannt, doch jetzt, in der heißen Jahreszeit, ist es fast ausgestorben. Ich bin, denke ich, während meines Aufenthalts der einzige westliche Tourist im Ort. Außer ein paar wenigen indischen Touristen treffe ich beim Erkunden der Ruinen kaum jemanden.
Die Hitze macht einem natürlich ein wenig zu schaffen, ich stehe früh auf und mache während der heißesten Zeit des Tages eine Mittagspause. Den Rest der Zeit kurve ich mit dem Fahrrad durch die Gegend. Die Menschen hier sind angenehm zurückhaltend, keiner versucht penetrant etwas zu verkaufen, wie es an anderen Orten gegenüber westlichen Touristen üblich ist. Die Kinder begrüßen einen lustigerweise mit „bye-bye“ und freuen sich wie an den meisten Orten, wenn man sie knipst. Nett unterhalten kann man sich mit den Leuten auch, sofern sie englisch können, was leider wenig der Fall ist. Doch wir sind hier tief in der indischen Provinz.